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3. Mai 1945: Bewaffnete Zivilisten und Wehrmachtssoldaten mit rot-weiß-roten Armbinden begrüßten die US-Soldaten in der Maria-Theresien-Straße.
3. Mai 1945: Bewaffnete Zivilisten und Wehrmachtssoldaten mit rot-weiß-roten Armbinden begrüßten die US-Soldaten in der Maria-Theresien-Straße.

Die andere Befreiung Innsbrucks

Karl Gruber, erster Landeshauptmann von Tirol, galt lange als Befreier Innsbrucks. Doch ist es drei jüdischen Agenten mit ihren HelferInnen zu verdanken, dass das Ende des Zweiten Weltkrieges für Innsbruck glimpflich verlief.

von Peter Pirker

Es war ein Uhr nachts, als am 26. Februar 1945 drei Männer mit Fallschirmen auf dem Sulztaler Gletscher in den Stubaier Alpen landeten. Aus einem Bomber der amerikanischen Luftstreitkräfte abgesetzt, hatten sie im Auftrag des amerikanischen Kriegsgeheimdienstes OSS die „Operation Greenup“ zu erfüllen: Die Transporte
der deutschen Wehrmacht über die Brennerstrecke auszukundschaften und genaue Informationen dazu an das Kommando der US-Armee in Süditalien zu funken. Durch gezielte Bombardierungen sollte so der deutsche Nachschub an die Kriegsfront unterbrochen werden.

Zu dritt in Tirol
Das Spionageteam bestand aus Fred Mayer und Hans Wijnberg, zwei jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland und den Niederlanden. Der Dritte im Bunde war der Wehrmachtsdeserteur Franz Weber aus Oberperfuss. Die jungen Männer, zwischen 22 und 24 Jahre alt, hatten sich erst wenige Wochen zuvor in Bari kennen gelernt. Während Mayer und Wijnberg nach ihrer Flucht vor den Nazis seit 1943 für Spezialeinsätze hinter den feindlichen Linien ausgebildet wurden, war Franz Weber im September 1944 in der Nähe von La Spezia aus der Wehrmacht desertiert und zu den Amerikanern übergelaufen. Er wollte nicht mehr länger für das NS-Regime kämpfen, sondern einen möglichst effektiven Beitrag zur Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft leisten.

Franz Weber erklärte sich in Gesprächen mit dem aus Berlin stammenden OSS-Offizier Dyno Loewenstein bereit, Mayer und Wijnberg in sein Heimatdorf Oberperfuss
bei Innsbruck zu bringen. Er vertraute auf die Hilfsbereitschaft seiner Schwestern Luise, Eva und Margarethe, auf den früheren Bürgermeister Alois Abenthung, auf seine Verlobte Anni Niederkircher und deren Mutter Anna, die im Dorf das weithin bekannte Gasthaus „Zur Krone“ führte. Franz Weber wurde nicht enttäuscht. Die drei Agenten fanden Unterschlupf und richteten ihre Funkstation ein.

Mehr als 60 Meldungen mit brisanten Informationen über nationalsozialistische Truppen- und Waffentransporte, Rüstungsproduktion und Fliegerabwehrstellungen
funkte Hans Wijnberg nach Bari. Die Daten sammelte Fred Mayer in Innsbruck, wo er sich zunächst in deutscher Uniform als Wehrmachtsoffizier ausgab. Später wechselte er in die Rolle eines französischen Fremdarbeiters. Mit Hilfe der Schwestern von Franz Weber und lokaler Regimegegner in der Kriminal- und Schutzpolizei, von Eisenbahnern und Wehrmachtssoldaten, gelang es ihm, ein effizientes Netzwerk aus Informanten aufzubauen. Als Codename für Innsbruck wählten die drei Agenten „Brooklyn“, den Stadtteil von New York, wo Mayer und Wijnberg 1938 Zuflucht gefunden hatten.

Das Spionageteam: Franz Weber, Hans Wijnberg und Fred Mayer
Das Spionageteam: Franz Weber, Hans Wijnberg und Fred Mayer

Ein Dorf hält dicht
Doch am 18. April 1945 wurde das Spionage- und Widerstandsnetzwerk der Operation Greenup verraten. Ein Sonderkommando der SS nahm in Innsbruck und Umgebung Dutzende Regimegegner fest. In der Gestapostelle in der Herrengasse wurden die Festgenommenen gefoltert, um den Standort des Funkers aus ihnen herauszupressen. Der Innsbrucker Radiohändler Robert Moser starb dabei. Fred Mayer trotzte der Tortur und auch in Oberperfuss scheiterte die Gestapo: Das Dorf hielt dicht. Verantwortlich dafür waren die Frauen: „Die Einzigen, denen man wirklich trauen konnten, waren die Frauen, die waren stur wie Eisen“, erklärte Fred Mayer später die Rettung von Hans Wijnberg und Franz Weber. 

Berühmt wurde die Operation Greenup in den USA durch die Leistungen, die das Greenup-Team am 2. und 3. Mai vollbrachten. Vor dem Hintergrund des vorzeitigen Waffenstillstandes in Norditalien und der Übernahme von Kasernen durch Widerstandskämpfer in Innsbruck nahmen sie am 3. Mai 1945 Gauleiter Franz Hofer auf dessen Anwesen, dem Lachhof in Volders, in Gewahrsam. Anschließend fuhr Fred Mayer der 103. US-Infanteriedivision entgegen, die bei Zirl gegen Stellungen der Wehrmacht kämpfte.

Obwohl Innsbrucker Widerstandskämpfer in der Nacht von 2. auf 3. Mai den lokalen Befehlshaber der Wehrmacht, General Hans Böhaimb, festgenommen hatten, gab es weiterhin kampfbereite Stellungen westlich von Innsbruck. Aus Sicht der US-Armee herrschte in der Stadt Chaos. Die Befehlshaber der Infanteriedivision waren überzeugt, dass Innsbruck noch nicht durch die Widerstandsbewegung kontrolliert wurde. Eine Klärung der Situation trat erst ein, als Fred Mayer mit einer weißen Fahne die US-Truppen erreichte. Er leitete die Verbindungsoffiziere der 103. Infanteriedivision zu Hofer auf den Lachhof, wo sie die sofortige Einstellung der Verteidigung Innsbrucks erwirkten und so die Stadt vor noch größeren Schäden und Verlusten bewahrten.